ChatGPT ähnelt immer mehr einer Suchmaschine
OpenAI hat Daten aus zwei Jahren zur Nutzung von ChatGPT veröffentlicht. Sie gewähren einen seltenen Einblick in die Fragen, die Nutzende wirklich stellen
OpenAI hat Daten aus zwei Jahren zur Nutzung von ChatGPT veröffentlicht. Sie gewähren einen seltenen Einblick in die Fragen, die Nutzende wirklich stellen, und nicht nur darin, wofür sie nach eigener Aussage KI verwenden.
Der Datensatz umfasst eine monatliche Stichprobe von etwa einer Million Nachrichten aus dem Zeitraum von Juli 2024 bis September 2026. Er bezieht sich auf individuelle Free-, Go-, Plus- und Pro-Konten, nicht auf Enterprise- oder Codex-Konten. Damit bietet er einen interessanten Einblick, bildet aber nicht alle Nutzungsweisen von ChatGPT vollständig ab. Dennoch sollten die beobachteten Muster für alle interessant sein, die sich mit Suchmaschinen, Marketing oder Kommunikation beschäftigen.
ChatGPT ähnelt immer mehr einer Suchmaschine
Der Anteil der Nachrichten, die als „Informationssuche” eingestuft wurden und Fragen zu Fakten, Produkten, Dienstleistungen und Vorschriften umfassen, stieg von 16,7 % im Juli 2024 auf 20,2 % im September 2026. Im selben Zeitraum sank der Anteil der Aufgaben rund ums Schreiben von 34,1 % auf 21,4 %. Im August 2026 lag die Informationssuche kurzzeitig vor dem Schreiben; im September überwog das Schreiben wieder knapp.
Das ist eine deutliche Veränderung darin, wie Menschen dieses Tool nutzen. ChatGPT wird weiterhin zum Verfassen und Überarbeiten von Texten verwendet, doch immer mehr Menschen wenden sich auch mit Fragen und der Bitte um Hilfe beim Vergleichen von Optionen an den Chatbot.
Die meisten Nutzenden verwenden ChatGPT außerhalb der Arbeit
Die Daten zeigen, dass ChatGPT im Alltag ebenso häufig ein nützliches Werkzeug ist wie ein Produktivitätsassistent. Laut den OpenAI-Daten für September 2026 bezogen sich 32,2 % der Nachrichten auf die Arbeit; die Mehrheit stand also nicht mit der Arbeit in Verbindung. Die umfassendere Kategorie der privaten Nutzung deckt verschiedene persönliche Bedürfnisse ab – von alltäglichen Fragen über Planung bis hin zum Lernen.
Ein wichtiger Unterschied sollte beachtet werden: Die Daten beziehen sich auf Nachrichten, die über individuelle Konten gesendet wurden. Die gesamte Nutzung von ChatGPT über von Unternehmen verwaltete Konten ist darin nicht enthalten. Daher sollte der Datensatz nicht als vollständiges Bild der KI-Nutzung am Arbeitsplatz betrachtet werden.
Die Nutzung von ChatGPT bei der Arbeit und zu Hause unterscheidet sich
Außerhalb der Arbeit stellen Menschen häufiger Fragen und suchen nach Informationen. Bei der Arbeit bitten sie ChatGPT häufiger darum, eine konkrete Aufgabe zu erledigen: einen Text zu schreiben oder zu überarbeiten, eine Analyse durchzuführen oder ein bestimmtes Ergebnis vorzubereiten. Schreiben ist bei der Arbeit weiterhin ein wichtiger Anwendungsbereich, doch das übergeordnete Muster deutet auf die Delegation von Aufgaben hin – ChatGPT wird genutzt, um bei deren Erledigung zu helfen, und nicht nur, um ein Thema zu erklären.
Dieser Unterschied ist für Marketingfachleute relevant. Verbraucherinnen und Verbraucher können um Rat bei der Produktauswahl bitten, Fachleute hingegen um einen Lieferantenvergleich, eine Preisübersicht oder einen ersten Entwurf einer Empfehlung.
Recherche verbindet berufliche und private Nutzung
Während des größten Teils des untersuchten Zeitraums machten Nachrichten zur Informationssuche etwa 11-12 % der arbeitsbezogenen Nachrichten aus. Anschließend stieg ihr Anteil im August auf 13,9 % und im September 2026 auf 15,2 %. Fragen zu Produkten, Dienstleistungen und Preisen gehören zur übergeordneten Kategorie der Informationssuche. Dieser Trend ist daher sowohl für Verbrauchermarken als auch für B2B-Unternehmen relevant.
Das ist ein Anlass, über „KI-Inhalte” hinauszublicken. ChatGPT kann Teil des Informationsprozesses sein: Es hilft dabei, eine Produktkategorie zu verstehen, verfügbare Optionen zu vergleichen oder zu entscheiden, welche Fragen an einen Anbieter gestellt werden sollten.
Die Nutzerschaft wird vielfältiger, und ältere Menschen suchen häufiger nach Informationen
Die Altersstruktur der Nutzenden verändert sich. In den für diesen Datensatz bereitgestellten Daten sank der Anteil der Nachrichten von Personen im Alter von 18 bis 24 Jahren von 39 % auf 31 %. Gleichzeitig steigt der Anteil der Nachrichten zur Informationssuche mit dem Alter: Bei den 18- bis 24-Jährigen machen sie 17 % der Nachrichten aus, bei den 55- bis 64-Jährigen 27 %. Diese Anteile beziehen sich auf Nachrichten von Nutzenden, die ihr Alter angegeben haben, und sind keine Schätzungen zur Zahl der ChatGPT-Nutzenden in den jeweiligen Altersgruppen.
Die Schlussfolgerung ist einfach: Es sollte nicht davon ausgegangen werden, dass die Sichtbarkeit in KI-generierten Ergebnissen nur für jüngere Zielgruppen wichtig ist. Mit der wachsenden Nutzerschaft nehmen auch die Vielfalt der Fragen und die Zahl der Kaufentscheidungen zu, die über eine Chat-Oberfläche getroffen werden.
Positionierung für GPT
B2C-Marken sollten darauf achten, dass sie leicht zu verstehen und mit anderen Angeboten zu vergleichen sind. Es empfiehlt sich, klare Informationen zu Produkten, Preisen und Verfügbarkeit, praktische Tipps sowie Antworten auf häufige Kundenfragen zu veröffentlichen. Die Präsenz sollte nicht nur auf der eigenen Website aufgebaut werden, sondern auch in glaubwürdigen externen Quellen, die Nutzenden dabei helfen, verfügbare Optionen einzuschätzen.
B2B-Marken sollten davon ausgehen, dass einige Kaufinteressierte private ChatGPT-Konten nutzen könnten, um Anbieter, Funktionen und Preise zu prüfen, bevor sie sich an den Vertrieb wenden. Es sollte darauf geachtet werden, dass diese Informationen leicht zu finden sind. Vergleichsseiten sollten regelmäßig aktualisiert werden, und Kaufinteressierten sollten nützliche Belege statt bloß allgemeiner Behauptungen wie „branchenführend” bereitgestellt werden.
Auch im Bereich bezahlter Medien ergeben sich Möglichkeiten. Der Test von OpenAI mit Anzeigen richtet sich an angemeldete erwachsene Nutzende der Tarife Free und Go. Die Tarife Plus, Pro, Business und Enterprise sind nicht Teil des Tests. Daher empfiehlt es sich, einen kleinen, sorgfältig ausgewerteten Pilotversuch in Betracht zu ziehen, sofern das Produkt am jeweiligen Standort verfügbar ist und zur Zielgruppe passt.
Ersetzt ChatGPT Google?
Noch nicht, und der Vergleich sollte mit Vorsicht betrachtet werden. Ahrefs schätzte, dass die Zahl der ChatGPT-Prompts, die Suchanfragen ähneln, etwa 12 % des Suchvolumens bei Google ausmacht. Dafür verwendete das Unternehmen eine eigene Klassifizierung von Prompts, die herkömmlichen Suchanfragen ähneln. Eine Analyse von 76.000 Websites ergab außerdem, dass Google 190-mal mehr Traffic auf Websites leitet als ChatGPT. Dabei handelt es sich um unterschiedliche Messgrößen: Die eine schätzt die vergleichbare Zahl von Anfragen, die andere misst die Zahl der Verweise in einer bestimmten Stichprobe von Websites.
Ein Teil des suchähnlichen Verhaltens verlagert sich zu ChatGPT, während Google weiterhin eine deutlich größere Quelle für Website-Traffic ist. Investitionen in die Sichtbarkeit in Suchmaschinen bleiben sinnvoll. Zugleich sollte beobachtet werden, ob eine Marke in KI-Antworten erscheint, welche Quellen dafür herangezogen werden und ob diese Sichtbarkeit zu wertvollen Besuchen oder Anfragen führt.
ChatGPT ist nicht einfach eine neue Suchmaschine. Dass immer häufiger Fragen zu Fakten, Ratschlägen und Produkten gestellt werden, ähnelt jedoch einer vertrauten Form der Informationssuche und gewinnt zunehmend an Bedeutung dafür, wie Nutzende Marken entdecken.
